Julia Neupert im Gespräch mit moll & muche (SWR NowJazz) : --------------

 

Auf eurer Website und in Pressetexten wimmelt es von Vokabeln wie „Instanz“, „Schauprozess“, „Oberrichter“: Woher kommt diese Liebe zur Juristerei?

Udo Moll :
Das ist gar keine besondere Liebe zur Juristerei. Für mich stand das nie zur Debatte, Jurist zu werden: das wollten ja die anderen immer. Das hat sich einfach total logisch aus diesem Namen ergeben. Wir waren ja lange auf Namenssuche. Und das einzige, was uns halbwegs sinnvoll vorkam, weil es auch gut klang, war tatsächlich „Das Mollsche Gesetz“. Und das heißt auch nicht das „Mollsche Gesetz“, weil ich der Chef bin, sondern einfach weil es einfach am besten klingt. Also weil es besser klingt als das „Muchesche Gesetz“ oder das „Gramss’sche Gesetz“. Und dann haben wir einfach so ein bisschen rumgesponnen. Also lustigerweise ist der Stiefvater von Sebastian Gramss Rechtsanwalt. Und da hat Sebastian Stücke geschrieben, die hatten Titel von Grundgesetzkommentaren. Aus dieser Idee raus, habe ich dann gesagt: Ok, dann bin ich der Rechtsanwalt, Matti Muche ist der Rechtspfleger und Sebastian Gramss ist der Oberrichter. Aber es hat ja auch einen Grund: Das Hauptprinzip, nach dem wir musizieren, ist ja tatsächlich ein Gesetz.
In dem Sinne, dass es eine relativ strenge Vorschrift ist.
Und da ist die Verbindung.

Mit „Gesetzen“ verbinden viele nicht nur Positives, und gerade im Jazz gelten sie eher als trocken, einschränkend, rigide – ist der Bandname auch Provokation oder seid Ihr wirklich gern gesetzestreu?

Matthias Muche :
Es gibt ja immer Tendenzen in einem Ensemble und natürlich gibt es die bei uns auch. Und es gibt auch den Gesetzesbrecher, der mit Vorliebe das tut und das verändert sich aber auch immer. Das heißt, es ist ganz extrem bei dieser Idee von diesen Gesetzen, dass jede Aufführung extrem unterschiedliche Rahmenbedingungen beinhaltet, auf die man ganz unterschiedlich reagiert. In einem Kontext ist es vielleicht ganz einfach, diese starre Form von Zeiteineinheiten einzuhalten, weil man das Gefühl hat, das passt. Und in anderen Kombinationen, z.B. als wir einmal in Düsseldorf in der Johanneskirche gespielt haben, war es auf einmal so eine Tendenz, dass jeder von uns unbedingt das Gesetz brechen musste – also das ist eigentlich sehr davon abhängig, in welchen Rahmenbedingungen man sich gerade befindet, und die dann sehr individuell sich auch auswirken. Aber jetzt gerade, weil ja auch ein ganz großer Teil auch ganz improvisiert ist, ist eigentlich diese Idee von Gesetzen eigentlich eher ein Reiz. Also dass man sich unter bestimmten Vorgaben auch reduziert. Und das ist eigentlich jetzt nicht so, dass man darunter leidet. Weil: Man KANN es ja auch brechen. Es ist dann eher so ein besonderer Reiz, dass man in einer bestimmten Vorgabe versucht, Ideen, die man hat zu realisieren. Und das ist eigentlich eine ganz undogmatische Idee, die dahinter steht.

Sind Eure Gesetze beim Improvisieren dann eher eine Erleichterung oder eine Beschränkung, die vieles schwieriger macht?

UM :
Sowohl als auch. Also, die erste Illusion ist, zu glauben, das man völlig freie Entscheidungsgewalt hat über alles, was man macht. Auch in der Musik. Auch die so genannte „freie improvisierte Musik“ ist ja relativ unfrei, das ist schon die erste Illusion. Dann ist es auch so, mit so einer totalen Freiheit umzugehen, auch schon total schwierig ist. Ist ja nicht so, dass das leichter wäre. Die Idee war einfach, wir legen uns einfach auf gewisse Art und Weise Hindernisse in den Weg, um daran zu wachsen, bzw. um daran auch was Neues zu entdecken. Um auf Sachen zu kommen, auf die man nicht kommen würde, wenn man alle Möglichkeiten zur Wahl hätte. Das ist eigentlich ein relativ gängiges Ding, dass ständig Leute sagen: Es ist wichtig, dass du deine Einschränkungen positiv umsetzt. Nur geht es da meistens um Einschränkungen, die sich die Leute nicht selber aussuchen – wir sind da halt einen Schritt weiter gegangen und haben gesagt: Ok, wir erlegen uns die Einschränkungen selber auf, wirklich auch im Sinne eines Experiments und gucken erst mal. Was verändert sich? Was verändert sich an der Spielhaltung? Was verändert sich an dem Möglichkeiten und was verändert sich auch daran, wie man sich fühlt beim Spielen, wenn man einen Parameter der Musik – nämlich die Zeit, die Dauer – total streng reguliert, wie wirkt sich das aus? Sowohl aufs Publikum, als auch auf die Band? Und was passiert da? Also kommt da wirklich Musik raus, die anders ist, als wenn man sagt: Wir fangen irgendwann an und hören irgendwann auf. Wir wussten nicht, wie es wird, wir wussten nicht, ob es gut wird. Wir wussten auch nicht, ob man es ertragen kann. Also die ersten paar Aufführungen waren schon so, dass ich das Gefühl hatte: Auweia, die Kollegen sind da auf der Bühne und leiden!

MM :
Also eigentlich ist vor jedem neuen Konzert die Diskussion so: Wie gehen wir jetzt genau damit um? Sind die Pausen genau so lang wie die Stücke? Oder dürfen die Stücke oder die Pausen auch mal um 10 oder 20 Sekunden länger sein? Oder kürzer? Macht man die Absprache, dass man ganz genau auf die Sekunde genau aufhört? Und jede dieser Entscheidungen führt zu extrem unterschiedlichen Ergebnissen. Also das heißt, man hat dieses sehr starre Gesetz von kurzen Stücken, aber darin hat man noch mal so viele Möglichkeiten, das in unterschiedliche Richtungen auszuloten. Deswegen ist es auf der einen Seite natürlich eine besondere Situation, dass man sich diesen kurzen Stücken aussetzt. Das war sicher am Anfang auch eine Qual, muss man schon sagen, auch eine körperliche Qual. Ich meine, das kennen vielleicht Musiker fast noch weniger als ein Publikum, die in ein Konzert gehen, was vielleicht sehr abstrakt ist und wo man nach einiger Zeit auch körperliche Erscheinungen verspürt, dass man z.B. gerne gehen möchte oder so. Das hat sich aber in dieser langen Phase, in der wir jetzt zusammen experimentieren schon so entwickelt, dass man jetzt auch eine eigene Haltung gefunden hat, wie man in den Pausen ist, wie man sich vorbereitet auf das nächste Stück. Und das ist durchaus jetzt eine Situation, in der ich mich mittlerweile sehr wohl fühle. Aber es ist trotzdem noch sehr anders, als wenn man sich in einem „normalen“ Zeitkorsett sich befindet, wo die Stücke dann vielleicht zwischen 5 und 10 Minuten lang sind oder länger.

   

Ist es denn nie ein Problem, sich immer so kurz zu fassen? Gibt es nicht Situationen, in denen ihr beim Improvisieren einfach mal weiter ausholen wollt oder ihr das Gefühl habt: Das lässt sich jetzt gerade nicht in einer Minute sagen?

UM :
Nein, gar nicht. Es ist so klar, dass es einfach nur diese Kürze hat – da habe ich überhaupt kein Problem damit. Also vielleicht auch, weil ich nicht so ein expressionistischer Typ bin. (lachen beide) So nach dem Motto: Ich habe noch was zu sagen und ich muss noch mehr , ... ich bin da eigentlich so völlig auf der Metaebene, wo es um Verfeinerungen geht. Nicht so um unmittelbaren Gefühlsausdruck.

Habt ihr durch dieses konsequente „Kurzspielen“ für euch etwas Neues herausgefunden?

UM :
Ein Bewusstsein für Ökonomie und Effektivität bei mir zumindest. Also ein Vertrauen, ein ziemlich gesteigertes Vertrauen auf den einzelnen Klang. Und ein Vertrauen darauf, dass eine gute Idee ausreicht, um schon mal ziemlich viel Musik zu machen.

MM :
Ob kurz oder lang: Das Interessante ist für mich – und das wird mir jetzt eigentlich erst klar – dass die Spielhaltung eigentlich gar nicht so unterschiedlich ist. Wenn man in einem Ensemble spielt von zwei, drei, vielen Leuten, muss man gucken, wo sich eine Chance ergibt, seine musikalische Idee zu platzieren. Man muss immer sehr aufmerksam sein, was um einen herum passiert und natürlich muss man versuchen, sehr schnell seine eigenen Ideen so klar zu formen und zu artikulieren, dass es für die anderen und natürlich auch für das Publikum deutlich wird. Der Witz ist eigentlich für mich, dass der Unterschied gar nicht so groß ist, ob das jetzt in einer Minute passiert oder in zehn.

Aber bei euch muss man schon extrem schnell sein, um sich durchzusetzen! Der Schnellste gewinnt, oder?

MM :
(lachen) Ne, das ist auch ein Vertrauen, was innerhalb des Ensembles existieren muss. Wenn man zehn Minuten zur Verfügung hat, kann man natürlich noch sehr Vieles retten, was vielleicht am Anfang unter Umständen noch nicht funktioniert – die Chance hat man in einer Minute natürlich nicht.
Deswegen ist das Vertrauen sehr groß auch unter uns dreien. Also dass man mit der Aktion, mit der man startet, nicht allein gelassen wird und dass man zusammen diese eine Minute gut gestalten kann.

UM :
Aber es stimmt schon: Wer als erster am klarsten ist, hat schon eine gewisse Chance. Also es setzen sich natürlich bestimmte Ideen durch und bestimmte nicht. Das hört man schon sehr genau, gerade auch bei Aufnahmen. Manche Sachen tauchen auf und gehen einfach direkt wieder unter, weil es eine andere Idee gibt, die einfach in dem Moment stärker und klarer ist und die dann praktisch aufgegriffen wird.
Das ist schon ein bisschen so ein Ideendarwinismus, aber der ist ja positiv. Nicht im Sinne von Konkurrenzkampf, sondern eher wie ein Wettbewerb. Man muss einfach klar sein und schnell sein in der einen Minute, um da was reißen zu können.

Was bedeutet für Euch Klarheit in der Musik?

UM :
Klarheit in der Musik bedeutet, klar erkennbare Statements zu machen, musikalisch-inhaltliche Statements zu machen. Und auch ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie man diese Statements platziert – sowohl in der Zeit, als auch im Raum. Ich denke eigentlich immer, wenn ich über Musik denke, in grafischen Kategorien, also eigentlich eher wie ein bildender Künstler. Und da ist die Analogie für mich ganz klar: Wenn ich einen klar umrissenen Raum habe wie eine Leinwand, die ein Meter mal ein Meter groß ist – da kann ich nicht ein 5m-Männchen rein malen. Also die Klarheit besteht dann darin, das Ding nicht zu zu müllen, sondern damit zu spielen, dass praktisch ein „Nichts“, ein Nichtklang, wie jetzt diese Stille in den Pausen, die Ereignisse um so besser unterstützt und ihnen Sinn verleiht. Das ist eigentlich Klarheit für mich: dass das Ereignis als solches eigentlich viel klarer erkennbar wird, als wenn drum rum noch so viel Gefummel ist, dass das schon wieder untergeht.

MM :
Also je besser eigentlich das gelungen ist, in dieser begrenzten Zeit ein Statement oder eine musikalische Sache da abzubilden, desto besser fühlt sich auch die Pause an. Desto stärker und befriedigender ist auch die Pause. Die Qualität der Musik und der Pause, die darauf folgt, sind doch sehr eng verbunden.

Dann sind die Pausen auch nicht als „Atempausen“ zwischen den Stücken zu verstehen, sondern gehören immer zu dem vorangegangenen Stück?

MM :
Das ist auch ein interessanter Punkt, wenn es darum geht, neben den improvisierten auch komponierte Stücke zu spielen: Wann blättert man um? Also man hat Notenblätter liegen und man muss die wenden. Blättert man die VOR dem nächsten Stück um oder nachdem man das Stück gespielt hat, so dass die neuen Blätter für das nächste Stück liegen? Das sind total grundsätzlich unterschiedliche Spielhaltungen, über die man sich in anderen Kontexten niemals oder sehr selten Gedanken machen würde, aber es ist eine grundsätzlich unterschiedliche Pausensituation.
Wenn ich z.B. sage: Ich spiele ein Stück und höre das Stück quasi in der Pause nach und kurz bevor das nächste Stück anfängt, blättere ich um, mache also kurz bevor das nächste Stück anfängt, die Vorbereitung zum nächsten. Oder umgekehrt. Das heißt, man kann die Pause in beide Richtungen verstehen.
Oder wenn es um rein improvisierte Sachen geht: In Musik hat man sowieso Pausen, und man könnte auch sagen, man spielt ein Stück von einer Minute und hat dann eine sehr lange Pause und dann geht das Stück weiter. Also es gibt dort, wie gesagt, sehr viele Deutungsweisen.

   

Wie sind dann die Reaktionen in den Konzerten ?

UM :
Ich habe das Gefühl, das ist ein Konzept, das kaum jemanden unberührt lässt und wir bekommen auch wirklich viele Reaktionen vom Publikum. Auch oft extreme Reaktionen. Also manche Leute sind extrem begeistert, weil sie sagen: Das ist eine total neue Art, Musik zu erleben. Die erzählen mir dann, was ihnen in den Pausen durch den Kopf geht und wo sie da innerlich abfliegen und wie das für sie die Musik verändert. Aber es gibt auch immer wieder Leute, die mir sagen, dass sie es nicht ertragen. Dass sie die Pausen einfach definitiv nicht ertragen und dass es total schlimm ist. Also ein Fall ging so weit, dass ein Schüler von mir eine Freundin mitgebracht hatte zu einem Konzert und nach dem Konzert, als ich ihn dann zum nächsten Mal gesehen habe, meinte er: Ja, also seit diesem Konzert würde diese Freundin nicht mehr mit ihm sprechen. Weil sie es so schlimm fand.

Wann klatschen die Leute bei euren Konzerten oder gibt es zwischen den Stücken überhaupt keinen Beifall?

MM :
Es gab einmal so einen Ausbruch nachdem wir ein Stück gespielt hatten, was länger war als eine Minute (lachen).

UM :
Also eigentlich funktioniert da schon noch der heilige deutsche Konzertreflex. In den Pausen ist es ja nicht so, dass der Musiker sich entspannt, die Schultern hängen lässt und sich den Schweiß von der Stirn wischt oder sich gar verbeugt. Also irgendetwas, was darauf hinweist, dass es vorbei ist, sondern man verharrt eigentlich in einer sehr gesammelten, aktiven Haltung auf der Bühne. Da ist dann das Publikum doch immer noch so konditioniert, dass sich dann keiner so richtig traut zu klatschen. Es passiert eigentlich nicht.

MM :
Ne, es passiert nicht.

UM :
Erst hinterher, wenn das Konzert vorbei ist. Aber auch da klatschen die erst dann, wenn man ihnen sagt, dass es jetzt vorbei ist. Toll!
Meine privaten Höhepunkte sind ja immer, wenn das Konzert vorbei. Ich mache die letzte Pause gerne länger, je nachdem, wie lang es alle aushalten. Das können dann schon 3, 4, 5 Minuten Pause sein und das ist dann richtig toll, finde ich. Also du bis da mit Leuten zusammen in einem Raum, die du nach quasi einstündigen Exerzitien alle soweit runter gebeamt hast, dass sie es ertragen zusammen mit dir in einer öffentlichen Veranstaltung zu sitzen. Wo fünf Minuten lang definitiv nichts passiert. Wo es einfach ruhig ist. Das finde ich schon toll!
Nach 5 Minuten erwache ich dann so langsam aus der Erstarrung und sage „Danke, das war’s“ . Da hat man das Gefühl, die müssen jetzt alle erst mal aus ihren Hirngespinsten, aus ihren Abwesenheiten und aus ihren Träumen wieder zu sich kommen. Das ist schon sehr spannend, weil das ist dann so, als ob die richtig weg gewesen wären.

Was soll denn mit den Leuten passieren, wenn sie eure Musik erleben?

MM :
Also wir haben keine therapeutischen Ambitionen, so ist es nicht. Auf keinen Fall. (lachen)

UM :
Eigentlich wollen wir nur, dass die Leute sich darauf einlassen, dass sie vorurteilsfrei sind. Sie sollen sich auf die Möglichkeit einlassen, dass so eine Art von Stille, auch einen künstlerischen Wert haben kann.
Das ist eigentlich das, was wir vom Publikum wollen, ich glaub, das ist relativ bescheiden als Anspruch.

 
    home

 

    zurück zu presse 1